Dieser Leitfaden ordnet die Grundbegriffe der Werbewirkungsmessung. Er nennt zu jedem Begriff die Definition, die praktische Anwendung, die Grenzen und ein Beispiel.
Distinctive Brand Assets
Distinctive Brand Assets sind Markenelemente, die ohne Absenderhinweis eindeutig einer Marke zugeordnet werden. Der Begriff beschreibt damit keinen Gestaltungswunsch, sondern ein Messergebnis: Ein Element ist so lange kein Asset, bis das Publikum die Zuordnung leistet.
Beschrieben werden Assets über zwei Größen. Die Bekanntheit gibt an, welcher Anteil der relevanten Käuferschaft ein Element kennt. Die Eindeutigkeit gibt an, welcher Anteil es ausschließlich einer bestimmten Marke zuordnet. Die Kombination beider Größen entscheidet über den Status eines Elements: Bekanntheit ohne Eindeutigkeit ergibt einen Kategoriecode, Eindeutigkeit ohne Bekanntheit ein unausgeschöpftes Element.
Die praktische Konsequenz dieser Unterscheidung betrifft die Investitionsentscheidung. Ein Kategoriecode erzeugt intern den Eindruck hoher Wiedererkennung, weil der Kontext die Zuordnung liefert. Im Regal oder im Werbeumfeld fehlt dieser Kontext. Der Beitrag zur Wiedererkennung durch Distinctive Assets beschreibt, wie sich Zuordnungsstärke unter diesen Bedingungen prüfen lässt.
Nettoreichweite
Die Nettoreichweite zählt Personen, die Bruttoreichweite zählt Kontakte. Diese Unterscheidung ist unspektakulär und wird in der Praxis dennoch regelmäßig verwischt, weil Kontaktzahlen leichter verfügbar sind als Personenzahlen.
Für die Planung ist die Nettoreichweite die relevante Größe, weil nur sie die Frage beantwortet, wie viele Personen überhaupt erreicht wurden. Sie entsteht aus einer Festlegung: Welcher Kontakt gilt als qualifizierend, in welchem Zeitfenster, in welcher Zielgruppe. Jede dieser Festlegungen verändert den Wert. Zwei Nettoreichweiten sind deshalb nur vergleichbar, wenn sie mit derselben Definition erhoben wurden.
Die wichtigste Grenze betrifft die Addition. Nettoreichweiten verschiedener Medien lassen sich nicht ohne Weiteres zusammenzählen, weil Personen mehrere Medien nutzen. Die Summe enthält dann Personen mehrfach und überschätzt die tatsächlich erreichte Zahl. Wie sich diese Überschneidungen in der Planung behandeln lassen, erläutert der Beitrag zur Kontaktdefinition im Media-Mix.
Frequenz und Verteilung
Die Frequenz beschreibt die Zahl der Kontakte je Person. In der Praxis wird sie meist als Durchschnitt berichtet, und dieser Durchschnitt ist die problematischste Kennzahl der Mediaplanung.
Ein Durchschnitt über eine schiefe Verteilung beschreibt keinen realen Fall. Er liegt zwischen den tatsächlichen Ausprägungen und verdeckt genau die Information, die für die Bewertung entscheidend ist: ob es Personen ohne ausreichenden Kontakt gibt und ob es Personen mit einer Kontaktdichte oberhalb jeder sinnvollen Schwelle gibt.
Für die Planung folgt daraus eine Berichtsanforderung. Neben der mittleren Kontakthäufigkeit sollte die Verteilung ausgewiesen werden, mindestens als Anteil der Zielgruppe unterhalb einer definierten Schwelle. Der Beitrag zur Prüfung von Wiedererkennung zeigt, warum die Zahl der Kontakte nicht mit der Stärke der Zuordnung gleichgesetzt werden darf: Lernen braucht Wiederholung, aber Wiederholung allein garantiert keine Zuordnung.
Inkrementalität
Die Inkrementalität ist der einzige Begriff dieser Sammlung, der eine Ursache-Wirkung-Aussage tragen kann. Sie entsteht aus einem Vergleich und nicht aus einer Rechnung.
Das Design ist einfach zu beschreiben und schwer umzusetzen. Zwei Gruppen werden zufällig gebildet, eine erhält den Werbekontakt, die andere nicht. Die Differenz der Ergebnisse ist der inkrementelle Effekt. Der absolute Wert wird in Prozentpunkten angegeben, der relative Wert als Verhältnis zur Kontrollgruppe.
Drei Anforderungen sind dabei unverzichtbar. Die Zuteilung muss zufällig sein, die Kontrollgruppe muss tatsächlich kontaktfrei bleiben, und die Erfolgsgröße muss vor der Messung festgelegt werden. Der Beitrag dazu, welche Belege eine Werbeaussage trägt, behandelt die benachbarte Frage, unter welchen Bedingungen eine Aussage überhaupt belegbar ist.
Der Unterschied zur Attribution ist grundsätzlich. Ein Attributionsmodell verteilt ein beobachtetes Ergebnis nach einer Regel. Es beantwortet die Frage, welchem Kontakt ein Ergebnis zugeordnet wird, und nicht die Frage, ob das Ergebnis ohne den Kontakt eingetreten wäre. Der methodische Beitrag zu den Ebenen der Werbewirkung ordnet diese Unterscheidung in den Ablauf der Messung ein.
Brand Lift
Brand Lift bezeichnet die Veränderung von Wahrnehmungsgrößen im Zusammenhang mit einer Werbemaßnahme. Gemessen werden Erinnerung, Bekanntheit, Zuschreibungen und Kaufabsichten, erhoben über Befragung.
Der Vorteil dieser Größen liegt in ihrer Nähe zur Botschaft. Sie zeigen, ob eine Kommunikation inhaltlich angekommen ist und welche Eigenschaften dem Absender zugeschrieben werden. Der Nachteil liegt in der Methode: Befragungen sind Selbstauskunft und unterliegen Erinnerungsfehlern und Zustimmungstendenzen.
Für die Interpretation ist die Ebenenzuordnung entscheidend. Ein Brand Lift ist eine Wahrnehmungsgröße. Er liegt zwischen der Auslieferung und dem Verhalten und beantwortet eine andere Frage als der Absatz. Ein Anstieg der Markenerinnerung ist ein Ergebnis, aber kein Nachweis für zusätzliche Käufe.
Begriffe im Zusammenspiel
Die fünf Begriffe bilden keine Hierarchie, sondern eine Arbeitsteilung. Nettoreichweite und Frequenz beschreiben die Auslieferung, Distinctive Brand Assets und Brand Lift die Wahrnehmung, Inkrementalität das Geschäftsergebnis. Keiner dieser Begriffe ersetzt einen anderen, und eine Kennzahl sollte immer mit der Frage berichtet werden, die sie beantwortet.
Für die Praxis ergibt sich daraus eine einfache Prüfroutine. Wer eine Zahl vorgelegt bekommt, kann drei Fragen stellen: Welche Ebene beschreibt diese Kennzahl? Welche Vergleichsgruppe liegt zugrunde? Welche Aussage erlaubt sie und welche nicht? Diese drei Fragen genügen in den meisten Fällen, um eine überzogene Interpretation zu erkennen.
Die Erklärgrafik zum Begriffsnetz stellt den Zusammenhang der Ebenen dar. Die vertiefenden Analysen zu diesen Begriffen finden sich im Journal, unter anderem zu den Rollen und Kontakten im Media-Mix und zur Einordnung der Migros-Kampagne.
Begriffsnetz der Werbewirkungsforschung
AuslieferungsebeneWahrnehmungsebeneGeschäftsergebnis
Begriffsregister
Distinctive Brand Assets
Begriff 01Distinctive Brand Assets sind Markenelemente, die von der relevanten Käuferschaft ohne Absenderhinweis eindeutig einer bestimmten Marke zugeordnet werden. Sie werden über zwei Größen beschrieben: Bekanntheit und Eindeutigkeit. Erst das Zusammenspiel beider Größen entscheidet, ob ein Element als Markensignal trägt.
In der Praxis werden Assets inventarisiert und einzeln, ohne Absenderhinweis, auf ihre Zuordnung geprüft. Die Prüfung erfolgt offen und nicht als Auswahlfrage, weil vorgegebene Marken die Zuordnung künstlich erhöhen. Das Ergebnis ist eine Zuordnungsstärke je Element, die über Kontaktpunkte hinweg verglichen wird.
Ein Element mit hoher Bekanntheit und geringer Eindeutigkeit ist ein Kategoriecode und stützt den Wettbewerb mit. Zuordnungswerte sind gruppen- und zeitabhängig und damit keine Konstante. Ein Audit liefert keine Absatzprognose.
Eine Farbe kann in einer Kategorie nahezu vollständig belegt sein. Sie signalisiert dann die Zugehörigkeit zur Kategorie, aber nicht den Absender. Für die Marke entsteht daraus eine Orientierungsleistung ohne Zuordnungswert.
Nettoreichweite
Begriff 02Die Nettoreichweite bezeichnet die Zahl der Personen, die mindestens einen qualifizierenden Kontakt mit einem Werbemittel hatten. Sie zählt Personen, nicht Kontakte. Ihr steht die Bruttoreichweite gegenüber, die Kontakte summiert und damit Mehrfachkontakte derselben Person mehrfach erfasst.
Für die Planung ist die Nettoreichweite die relevante Größe, weil sie die Zahl der erreichten Personen beschreibt. Sie wird über Zielgruppe, Zeitfenster und Kontaktdefinition operationalisiert. Jede dieser drei Festlegungen verändert den Wert, weshalb Nettoreichweiten nur bei identischer Definition vergleichbar sind.
Nettoreichweiten verschiedener Medien lassen sich ohne Modellierung der Überschneidungen nicht addieren. Die Summe überschätzt die Zahl der erreichten Personen systematisch. Eine Nettoreichweite ohne Angabe der Kontaktdefinition ist nicht interpretierbar.
Eine Kampagne erreicht 4,2 Millionen Personen mindestens einmal. Eine zweite Kampagne erreicht 3,1 Millionen Personen mindestens einmal. Die Addition ergibt nicht 7,3 Millionen, weil ein Teil der Personen in beiden Kampagnen erreicht wurde. Die tatsächliche Zahl liegt darunter.
Frequenz und Verteilung
Begriff 03Die Frequenz bezeichnet die Zahl der Kontakte je erreichte Person. Sie wird in der Praxis meist als arithmetischer Mittelwert berichtet. Dieser Mittelwert beschreibt eine Mengenrelation, aber keinen realen Fall innerhalb der Verteilung.
Aussagekräftig wird die Frequenz erst mit ihrer Verteilung: Welcher Anteil der Zielgruppe wurde wie oft erreicht. In der Planung wird deshalb neben der durchschnittlichen Kontakthäufigkeit die Zahl der Personen ausgewiesen, die unterhalb einer definierten Kontaktschwelle liegen.
Durchschnittswerte verdecken beide Ränder einer Verteilung: die Gruppe mit zu wenigen Kontakten und die Gruppe mit einer Kontaktdichte oberhalb jeder sinnvollen Schwelle. Eine allgemein gültige optimale Kontaktdosis lässt sich nicht angeben, weil sie von Botschaftskomplexität, Markenetablierung und Wettbewerbsdruck abhängt.
Zwölf Kontakte verteilen sich auf sechs Personen: eine Person erhält sieben Kontakte, fünf Personen erhalten je einen. Der Mittelwert beträgt zwei Kontakte je Person. Dieser Wert trifft auf keine der sechs Personen zu.
Inkrementalität
Begriff 04Inkrementalität bezeichnet den Anteil eines Ergebnisses, der ohne den Werbekontakt nicht eingetreten wäre. Sie wird als Differenz zwischen einer Testgruppe mit Kontakt und einer Kontrollgruppe ohne Kontakt gemessen. Der Begriff unterscheidet sich damit grundsätzlich von der Attribution, die Ergebnisse nach einer Regel zurechnet.
Voraussetzungen sind eine zufällige Zuteilung, eine tatsächlich kontaktfreie Kontrollgruppe und eine vor der Messung definierte Erfolgsgröße. Der absolute Lift wird in Prozentpunkten angegeben, der relative Lift als Verhältnis zur Kontrollgruppe.
Eine saubere Kontrollgruppe ist nicht immer durchsetzbar, weil ein Teil der Werbung nicht zielgenau gesteuert werden kann. In diesem Fall unterschätzt die gemessene Differenz den tatsächlichen Effekt. Eine einzelne Messung ist ein Datenpunkt und keine gesicherte Erkenntnis.
Testgruppe mit 1.000 Personen und 240 Käufen entspricht 24 Prozent. Kontrollgruppe mit 1.000 Personen und 200 Käufen entspricht 20 Prozent. Der absolute Lift beträgt 4 Prozentpunkte, der relative Lift 20 Prozent.
Brand Lift
Begriff 05Brand Lift bezeichnet die Veränderung von Wahrnehmungsgrößen im Zusammenhang mit einer Werbemaßnahme. Gemessen werden typischerweise gestützte und ungestützte Erinnerung, Markenbekanntheit, Zuschreibungen von Eigenschaften und Kaufabsichten. Die Messung erfolgt über Befragung und nicht über Verhaltensbeobachtung.
Brand-Lift-Studien werden häufig parallel zur Auslieferung angelegt und vergleichen eine exponierte Gruppe mit einer nicht exponierten Gruppe innerhalb derselben Zielgruppe. Die Ergebnisse werden je Kontaktgruppe und Erhebungszeitpunkt berichtet.
Befragungsdaten sind Selbstauskunft und unterliegen Verzerrungen durch Erinnerungsfehler, Zustimmungstendenzen und Auswahl. Ein Brand Lift ist eine Wahrnehmungsgröße und kein Absatznachweis. Zwischen beiden Ebenen liegt die gesamte Wirkungskette.
Eine Studie weist einen Anstieg der ungestützten Markenerinnerung in der exponierten Gruppe aus. Aus diesem Wert folgt keine Aussage über zusätzliche Käufe, weil die Handlung von weiteren Bedingungen abhängt.
Häufige Fachfragen
Warum reicht der Durchschnitt der Kontakte nicht aus?
Weil dieselbe Kontaktsumme je nach Verteilung völlig unterschiedliche Bedingungen erzeugt. Ein Mittelwert sagt nichts darüber, welcher Anteil der Zielgruppe ausreichend oft erreicht wurde und welcher Anteil überhaupt nicht. Für die Planung ist die Verteilung die entscheidende Größe, nicht ihr Mittelwert.
Kann ein Attributionsmodell eine inkrementelle Messung ersetzen?
Nein. Ein Attributionsmodell verteilt ein beobachtetes Ergebnis nach einer Regel auf Kontakte. Es setzt die Zuordnung voraus, die es berechnet. Nur ein Vergleich mit einer Kontrollgruppe kann zeigen, welcher Teil des Ergebnisses ohne den Kontakt nicht eingetreten wäre.
Vertiefende Analysen
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