Wer eine Figur über Jahre führt, spart Erklärung. Er verpflichtet sich aber auch, ihre Merkmale stabil zu halten, während sich die Themen ändern.

Vorwissen als Entlastung

Werbekommunikation arbeitet unter einer harten Bedingung: Sie hat nur wenige Sekunden, um verstanden zu werden, und sie konkurriert dabei mit allem, was im selben Umfeld ebenfalls Aufmerksamkeit beansprucht. Jede Erklärung kostet Zeit, die für die eigentliche Botschaft fehlt. Aus dieser Knappheit entsteht der Wert etablierter Zeichen. Ein Zeichen, das bereits gelernt wurde, muss nicht mehr eingeführt werden. Es kann sofort als Verweis auf einen Absender dienen und die verbleibende Aufmerksamkeit für die Botschaft freigeben.

Eine wiederkehrende Werbefigur ist ein solches Zeichen in ihrer umfangreichsten Form. Sie bündelt mehrere Merkmale in einem einzigen Wiedererkennungsanker: eine Silhouette, eine Stimme, eine Bewegungsart, eine Sprechweise, ein Verhältnis zu anderen Figuren. In der österreichischen Biomarke Ja! Natürlich übernimmt diese Aufgabe eine Figur, die als Schweinderl in das Gedächtnis des Publikums eingegangen ist. Sie tritt seit Jahren in unterschiedlichen Umgebungen auf, und ihre Erkennbarkeit hängt nicht davon ab, dass die Marke sie in jedem Kontakt erklärt.

Für die Markenführung ist dieser Zustand ein Aktivposten, aber kein Selbstläufer. Vorwissen entlastet nur, solange es aktiv bleibt. Es verfällt, wenn die Kontakte ausbleiben, und es verschiebt sich, wenn die Merkmale wechseln. Der Bestand an gelernten Zeichen verhält sich damit wie ein Speicher, der Zufuhr braucht und dessen Inhalt sich nur langsam ändert.

Die Kampagne zur Bodengesundheit

Ein aufschlussreiches Beispiel für den Einsatz der Figur ist die Kampagne zur Bodengesundheit aus dem Jahr 2018. Nach Angaben der beteiligten Agentur Merlicek & Grossebner unter der Regie von Stefan Ruzowitzky verlagerte die Erzählung ihren Schauplatz: Die Figur trat nicht mehr ausschließlich in der vertrauten ländlichen Umgebung auf, sondern in der Stadt. Der Ortswechsel ist für die Analyse der interessantere Teil der Entscheidung, nicht die Besetzung der Regie.

Ein Wechsel des Schauplatzes verändert die Aussage einer Marke, ohne dass ein einziges Wort der Botschaft geändert werden muss. Ein Biolandwirt auf einer Wiese spricht über Herkunft. Dieselbe Figur in einer städtischen Umgebung spricht über Verfügbarkeit. Das Thema Bodengesundheit wiederum verknüpft beides: Es begründet, warum die Herkunft relevant ist, und es erklärt zugleich, warum ein städtisches Publikum davon betroffen ist.

Bemerkenswert ist die Reihenfolge der Argumentation. Die Kampagne beginnt nicht mit einem Produktversprechen, sondern mit einer Bedingung: Guter Boden ist die Voraussetzung für gute Lebensmittel. Erst daraus folgt die Rolle der Marke. Dieses Muster, zuerst die Bedingung und dann den Absender zu nennen, ist typisch für Marken, die ihre Positionierung aus einem Herstellungszusammenhang ableiten. Es ist langsamer als ein direkter Produktclaim und robuster gegenüber dem Vorwurf der Beliebigkeit.

Zugleich liegt hier die Grenze der öffentlichen Belege. Verfügbar sind Angaben der Beteiligten, der Film selbst und seine Verbreitung. Nicht verfügbar sind Messungen dazu, ob die Kampagne die Zuordnung der Figur zur Marke verändert hat oder ob sie den Absatz von Bioprodukten beeinflusst hat. Der Fall dokumentiert eine geplante Kommunikationsstrategie, nicht deren Ergebnis.

Das System aus Konstanten und Variablen

Wer eine Figur über einen langen Zeitraum führt, arbeitet zwangsläufig an zwei Größen gleichzeitig. Die eine ist die Variation: neue Themen, neue Schauplätze, neue Anlässe, neue Tonlagen. Die andere ist die Konstanz: die Merkmale, die unverändert bleiben müssen, damit die Zuordnung nicht erodiert. Diese beiden Größen stehen in einem Verhältnis zueinander, das nicht beliebig verschoben werden kann.

Als Konstanten kommen in der Praxis die Merkmale infrage, die das Publikum isoliert erkennt. Das ist in der Regel nicht eine einzelne Eigenschaft, sondern eine Kombination: Silhouette plus Stimme plus eine charakteristische Form der Interaktion. Variabel sind dagegen Kontext, Handlung, Thema und Nebenfiguren. Welche Elemente eines Zeichens tatsächlich isoliert erkannt werden und welche nur im Verbund funktionieren, lässt sich nicht durch interne Diskussion klären, sondern nur durch eine Prüfung, die einzelne Elemente voneinander trennt. Wie ein solches Vorgehen aufgebaut ist, beschreibt der Beitrag dazu, wie Wiedererkennung untersucht wird.

Ein zweiter Faktor kommt hinzu: die Verteilung der Kontakte. Eine Figur, die im Bewegtbild funktioniert, ist nicht automatisch in einem statischen Format wirksam, weil dort Stimme und Bewegung entfallen. Umgekehrt kann ein Format, das nur wenige Sekunden Kontaktzeit bietet, die Figur gar nicht vollständig zeigen und muss sich auf ihre Silhouette verlassen. Wie sich Kontakte über Medien verteilen und warum ein Durchschnittswert diese Verteilung verdeckt, behandelt der Beitrag zur Kontaktverteilung und Kanalrollen.

Daraus folgt eine Planungsregel, die in der Praxis häufig verletzt wird: Die Zahl der gleichzeitig veränderten Merkmale sollte begrenzt bleiben. Wer Thema und Figur zugleich austauscht, verliert den Bezugspunkt, an dem das Publikum die Zuordnung festmacht. Wer nur das Thema wechselt, kann auf dem gespeicherten Vorwissen aufbauen.

Gestaltungsanlass und Verpackungscode

Neben der Bewegtbildwerbung gibt es einen zweiten Ort, an dem Marken ihre Zeichen führen: die Verpackung. Sie wirkt nicht durch Reichweite, sondern durch Wiederholung im Alltag. Ein Produkt, das regelmäßig im Einkaufswagen liegt, erzeugt eine Kontaktdichte, die kein Werbemittel erreicht.

Für Ja! Natürlich ist das Jubiläumsdesign von Nanna Prieler aus dem Jahr 2024 ein Beispiel für diese Ebene. Ein Gestaltungsanlass wie ein Jubiläum ist aus Markensicht ambivalent: Er erlaubt eine sichtbare Veränderung, die Aufmerksamkeit erzeugt, und er riskiert zugleich, dass die im Regal gelernten Erkennungsmerkmale verschoben werden. Verpackungscodes sind in dieser Hinsicht empfindlicher als Werbemotive, weil sie im direkten Wettbewerb um Sichtbarkeit stehen. Im Regal entscheidet nicht die Erinnerung an eine Geschichte, sondern die Erkennbarkeit in einem Bruchteil einer Sekunde neben konkurrierenden Produkten.

Ein Jubiläumsdesign sollte daher idealerweise als Addition funktionieren und nicht als Ersetzung: Ein zusätzliches Element tritt hinzu, während die tragenden Merkmale erhalten bleiben. Ob das im konkreten Fall gelungen ist, lässt sich nicht aus Abbildungen ableiten, sondern nur aus einer Messung der Zuordnung im Regalumfeld.

Was eine Figur nicht leisten kann

Die Fallstudie legt drei Grenzen offen, die für die Bewertung solcher Konstruktionen wichtig sind.

Erstens belegt eine Figur keine Aussage. Sie ist ein Absendersignal, kein Nachweis. Wenn eine Marke mit einer Figur für eine Herstellungsweise wirbt, ist die Figur nicht der Beleg für diese Herstellungsweise. Sie verweist auf den Absender, der die Aussage verantwortet. Welche Anforderungen an die Belegbarkeit einer solchen Aussage zu stellen sind, erläutert der Beitrag zu prüfbaren Aussagen und ihrem Absender.

Zweitens ersetzt Bekanntheit keine Eindeutigkeit. Eine Figur kann hohe Aufmerksamkeit erzeugen und dennoch mit mehreren Marken der Kategorie verbunden werden. In diesem Fall wirkt sie als Kategoriecode und nicht als Markensignal. Der Unterschied ist wirtschaftlich erheblich, weil ein Kategoriecode auch den Wettbewerb stützt.

Drittens sagt die Kontinuität einer Figur nichts über ihren Beitrag zum Absatz. Aus der Dauer einer Kampagne lässt sich keine Wirkung ableiten, und aus einer steigenden Nachfrage in einem wachsenden Biomarkt schon gar nicht. Der Beitrag zu den Grenzen von Wirkungszahlen ordnet diese Unterscheidung in das Verhältnis von Zuordnung und nachgewiesener Wirkung ein.

Für die Praxis bleibt damit eine nüchterne Schlussfolgerung: Eine wiederkehrende Werbefigur ist ein Instrument zur Senkung von Erklärkosten. Sie ist wirksam, solange sie erkannt und eindeutig zugeordnet wird, und sie ist wertlos, sobald diese Zuordnung an andere Marken übergeht. Beides lässt sich prüfen, und beides sollte geprüft werden, bevor über eine Ablösung oder eine Neufassung entschieden wird.

Häufige Fachfragen

Ist jede Werbefigur ein Distinctive Asset?

Nein. Eine Figur wird erst dann zu einem Distinctive Asset, wenn sie von den relevanten Käuferschaften eindeutig und ohne Logo der Marke zugeordnet wird. Solange die Figur lediglich wiedererkannt wird, ohne den Absender mitzuliefern, ist sie ein bekanntes Gestaltungselement, aber kein Markensignal.

Kann eine Werbefigur neue Themen transportieren?

Ja, sofern die zentralen Absendermerkmale stabil bleiben, während die Botschaft variiert. Die Figur fungiert dabei als Rahmen, der ein neues Thema aufnimmt. Wird dagegen gleichzeitig die Figur verändert, verliert das Publikum den Bezugspunkt, an dem es die Zuordnung festmachen kann.

Alexander Weber

Alexander Weber

Senior Editor Strategie und Regulierung

Alexander Weber ist Wirtschaftsjurist und arbeitet seit über fünfzehn Jahren als Fachjournalist an der Schnittstelle von Markenführung und Wettbewerbsrecht. Er begleitete Verfahren zu irreführender Werbung und zur Kennzeichnung kommerzieller Inhalte und berät redaktionell zu Fragen der Belegbarkeit von Werbeaussagen. Bei context werbung verantwortet er die Rechts- und Strategielinie sowie die Einordnung regulatorischer Entwicklungen im DACH-Raum.